Fahrbericht Audi R8 Spyder

Ich nehme jetzt einfach mal an, dass alle Leute, die diesen Artikel hier lesen, durchaus etwas für Autos übrig haben. Die einen lesen häufig bis immer diesen Blog (vielen Dank an euch an dieser Stelle), die anderen sind durch eine Suchanfrage hierher gekommen, was ich ebenfalls für ein Indiz für mindestens einen Hauch Autoleidenschaft halte. Der Punkt auf den ich hinaus will, ist folgender: Ist man Autofan, mag man Sportwagen. Vielleicht ist einem ein F-Type zu laut oder ein Hurácan zu auffällig, im Grunde ist der erste Gedanke, den man beim Betrachten solcher Vehikel hat aber „WOW“, oder „Geil“, oder „Hammer“. Natürlich gibt es noch weitere Beispiele, aber ihr wisst, was ich meine. Jetzt stellt euch aber mal folgendes vor: Wenn ihr schon diverse Konzentrationsstörungen bekommt, wenn sowas an euch vorbei fährt, was ist dann erst los, wenn ihr es selbst fahren könnt?

Es war vor etwa drei Wochen, da rief mich Phillipp Müller von Drivar an (ihr werdet euch eventuell noch an den Trackday erinnern) und versüßte mir doch enorm einen ansonst recht stressigen Tag:

„Hey Philip, hier ist Phillipp.“
„Hi wie geht´s?“
„Ja läuft. Bei Dir?“
„Auch soweit.“
„Super. Du ich hätte da ne Frage. Nach dem Trackday war ja nicht mehr viel. Hättest Du Lust unsere Kooperation fortzuführen?“
„Natürlich, was schwebt Dir denn so vor?“
„Naja wir sind eine Sportwagenvermietung. Da liegen Fahrberichte auf der Hand.“
„Klar gerne!“
„Super. Wo wohnst Du noch gleich? In der Nähe von Chemnitz?“
„Genau“
„Ok. Ich hätte da einen 911er, einen Huracán, einen R8 Spyder und einen RS6 Performance.“
„Cool. Und welchen soll ich fahren?“
„Na alle natürlich.“R8Spyder_philipsautoblog (18)

Nach einer solchen Nachricht ist es nahezu selbstverständlich, dass die Mundwinkel den Rest des Tages irgendwo in der Nähe der Ohren festgenäht zu sein scheinen. Es folgte zwar noch eine kleine Planänderung, wonach ich vorerst „nur“ den R8 und den 911er fahren konnte, aber das konnte ich noch gerade so verkraften.
„Darf ich mit?“, fragte mich meine bessere Hälfte. Als könnte ich ihr diesen Wunsch abschlagen, hatte ich doch die Gelegenheit ihr zu demonstrieren, warum ein 911er das perfekteste Auto des Planeten ist. Ja, ihr habt richtig gehört. Viele werden sich fragen, warum ich einen stinknormalen 911er bevorzuge, wenn ich einen R8 Spyder fahren kann. Also erstens mal bin ich absoluter Porsche Fan, zweitens fahrt doch selber mal Porsche und sagt mir, dass ich mich irre und drittens wartet ab, denn es ist ja noch nicht aller Tage Abend.R8Spyder_philipsautoblog (4)

Einige Tage später ging es also nach Zwickau. Nachdem der Papierkram ausgefüllt war, ging es los. Eine Erklärung brauchte ich nicht, Sportwagen sind ja zumeist selbsterklärend. Hier ist das Lenkrad, geschaltet wird dort, da bremsen, daneben Gas geben und drückst Du hier drauf, öffnet sich die Auspuffklappe. Dankesehr.
Apropos Auspuffklappe: Die ist beim Kaltstart automatisch offen. Während meine Freundin und ich noch damit beschäftigt waren, das Equipment aus dem Auto zu holen, wurde zum überprüfen des Kilometerstandes der Motor gestartet. Ich war darauf vorbereitet, hatte ich doch die Zündung gehört. Nicht so das zierliche Geschöpf neben mir. Als der 10 Zylinder mit einem heiseren Bellen seinen Dienst aufnahm, zuckte sie zusammen, als wäre sie gerade dem härtesten Jumpscare aller Zeiten zum Opfer gefallen und schaute sich in alle Richtungen um. Es dauerte einige Sekunden und einen kleinen Hinweis von mir, bis sie mit großen Augen und einem „Das war das Auto??“ realisierte, dass dieser infernalische Leerlauf tatsächlich von dem Cabrio neben uns produziert wurde. Direkt nach diesem Schreck machte sich übrigens ein diebisches Lächeln auf ihrem Gesicht breit. Insgesamt war es eine Situation, in der ich mich sehr geärgert habe, dass ich die Kamera nicht mitlaufen ließ.R8Spyder_philipsautoblog (17)

Dieses kleine Ärgernis war aber schnell vergessen, denn jetzt hieß es: Immer rein in die gute Stube! Das Einsteigen erfolgt relativ bequem in die sportwagentypisch tief eingebauten Sitze, die ihrerseits ebenfalls keinen Komfort missen lassen (für einen Sportwagen). Im Innenraum ist natürlich alles vom Feinsten. Der Audi wird komplett von Hand gefertigt und mit reichlich Leder, Alcantara, Aluminium und Carbon ausgestattet. Das Cockpit ist aufgeräumt. In der Mitte findet man lediglich den Wählhebel für die Automatik, einen Dreh-Drück-Steller des Audi MMI und die Steuerung für die Klimaanlage sowie die Lüftung. Die eigentliche Schaltzentrale hat man in der Hand. Motorstart, Klappensteuerung, Fahrmoduswahl, Virtual-Cokpit-Konfiguration, Schaltwippen, Musiksteuerung, Tempomat. Alles kann man steuern, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. So mag ich das. Da der Motor nach dem kurzen Inferno wieder ausgeschaltet wurde, hatte ich das Vergnügen ihn wieder ins Leben zurück zu holen. Ich drücke auf den roten Startknopf rechts unten am Lenkrad. Hinter mir surrt der Anlasser und die 10 Zylinder ballern los. Ich grinse meine Freundin an, sie grinst zurück. Das Wetter war schön, also nichts wie weg mit dem Verdeck. Ein kleiner Nachteil des Spyder ist, dass man leider nichts mehr vom hübschen Motor sieht, da die Glasscheibe des Coupé hier von der Klappe des Verdeckkastens ersetzt wird. Dafür wird man mit einer umso fantastischeren Soundkulisse belohnt, denn es stört eben kein Dach beim Genießen derselben.R8Spyder_philipsautoblog (15)

Wählhebel auf „D“, Klappen zu, Drive select Modus auf Komfort. Wir rollen langsam vom Hof und fahren die ersten Meter Richtung Landstraße. Der Motor muss sowieso warm gefahren werden, also kann man hier gleich mal checken, ob sich ein Audi R8 auch „normal“ fahren lässt. Ja, das tut er. Die Gangwechsel sind smooth, die Dämpfung komfortabel, der Motor hält sich vornehm zurück. Auffällig ist man allenfalls noch optisch. Schon jetzt merke ich aber, dass der R8 dieses Leben nicht wirklich führen will. Er ist wie Batman. Er kann den perfekt manierlichen Bruce Wayne geben, doch insgeheim ist er viel Lieber der Ritter der Dunkelheit. Das Biest der Nacht, das alle fürchten.R8Spyder_philipsautoblog (11)

Kurzer Blick auf die Öltemperatur. Passt. Dann lassen wir Bruce Wayne mal hinter uns. An der Ampel stehend, schalte ich im Drive select Modus auf Dynamik und öffne mit einem Druck auf den Auspuffknopf die Klappe. Nach einem kurzen metallischen Klicken hört sich Brucy doch schon ganz anders an. Es wird grün, ich gebe Gas. Der R8 schießt nach vorne, der Motor brüllt los. Die Anzeigen im Display, die anliegende Leistung und Drehmoment prozentual darstellen füllen sich ziemlich schnell. Zweimal bei niedriger Drehzahl am Paddle gezogen, dritter Gang, schon stehen 80 auf der Uhr. Ruhig bleiben, wir sind immer noch innerorts. Es ist zugegebenermaßen aber auch gar nicht so einfach den Audi innerhalb der Grenzen der Straßenverkehrsordnung zu bewegen, wenn er erstmal im Fledermausmodus ist. Ist eben wie bei Batman. Rage Modus an und es gibt Kloppe. Ich geh runter vom Gas, was der Audi mit einem heiseren Blubbern aus der Auspuffanlage quittiert, ich schalte runter, wieder blubbern. Wir fahren ab. Landstraße und Feuer frei. Hört sich brutal an, ist es auch, aber eben nicht sehr lange. 5 bis 6 Sekunden dauert es lediglich, bis man auf 100 ist. Natürlich nur, wenn man schon bei 4.000-5.000 U/min schaltet und den Kessel nicht wirklich ausquetscht. Sonst braucht der Spyder mit 3,6 Sekunden nur etwas mehr als die Hälfte, bis er deinen Körper und dein Gehirn auf 100 katapultiert, wobei letzteres hier und da durchaus Probleme hat zu folgen.R8Spyder_philipsautoblog (6)

Wir biegen ab in eine kleine Ortschaft mit engen Sträßchen. Natürlich heizen wir hier nicht durch, sondern fahren maximal gemütliche 60 km/h. Was ich mir nicht nehmen lasse, ist aber immer mal wieder runter zu schalten, was der inzwischen relativ heißen Sportabgasanlage mittlerweile ein lautes Knallen entlockt. Ganz nach dem Motto: „Batman ist hier *BAM BAM*.“, fahren wir mit einer entspannten Erregung durch die Stadt. Diese pubertären Knallaktionen bringen mir übrigens ein gelegentliches „Du bist unmöglich!“ vom Beifahrersitz ein, wovon ich mich aber nicht irritieren lasse. Mit meinem KIA geht das schließlich nicht und demzufolge gilt „carpe momentum“. Denke ich mir halt so.R8Spyder_philipsautoblog (22)

Schon hier fällt mir aber eine Besonderheit des R8 auf. Egal wie auffällig er ist und egal wie laut..die Leute mögen ihn. Mit einem Porsche kassierst du reservierte Blicke, mit einem Lambo gar einen Stinkefinger. Der R8 ist für die meisten unheimlich sympatisch. Und keiner denkt scheinbar daran, dass er mit 230.000€ (in dieser Konfiguration) fast genauso viel kostet, wie sein Bruder, der Huracán.R8Spyder_philipsautoblog (14)

Nach einer weiteren Runde Landstraße geht es Richtung Autobahn. Ich nehme den Zubringer schnell, um die Querdynamik auszuloten und werde etwas enttäuscht. Der Halt in den Sportsitzen ist okay, aber nicht Rekordverdächtig. Dafür dürften den Fahrer auch bei längeren Fahrten nicht so schnell Rückenschmerzen plagen. Was mich aber eigentlich stört ist, dass der R8 deutlich früher als gedacht das Untersteuern beginnt. Gut, das Cabrio ist mit knapp 1,8 Tonnen schwerer, als das Coupé und auch nicht unbedingt als Sportwagen für die Rennstrecke gebaut, aber dennoch ist dieses Kurvenverhalten erstaunlich weit weg vom Anspruch des Supersportlers.R8Spyder_philipsautoblog (9)

Zubringer vorbei, raus auf die Autobahn. Wir haben bis jetzt immer noch kein Plätzchen gefunden, das eine ausreichend schöne Kulisse für dieses Auto bietet und haben uns entschlossen, am Sachsenring weiterzusuchen.
Die Autobahn ist frei, nur ein paar LKW´s lümmeln auf der rechten Spur rum. Das Verdeck ist zu, die Klappe offen, die Automatik steht auf Sport und mein rechter Fuß auf dem Bodenblech. Der Audi zieht laut brüllend los und im Zeitraffer den Asphalt entlang. Ehe man sich´s versieht stehen 200 auf dem digitalen Tacho. 220, 240 , 260…es geht immer weiter. Ich bin voll konzentriert und blicke nur hin und wieder auf den Bildschirm hinter dem Lenkrad um die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Bei 330 gehe ich vom Gas. Man kann sagen, was man will, aber schnell ist der Wagen. Und dabei sind 330 nicht mal unangenehm. So schnell fährt man selten so entspannt. Der Audi liegt ruhig, hoppelt nicht, giert nicht und vermittelt ein für diese Geschwindigkeit ganz imposantes Urvertrauen. Als Insasse erlebt man 330 mit einem enormen Rauschen durch den Fahrtwind und einem hellen, metallischen Kreischen des Motors hinter einem. Vom Auspuffsound bekommt man nicht viel mit. Die Umwelt dafür umso mehr. Ich überlege, was es für ein Erlebnis sein muss, wenn man gemütlich mit 130 auf der rechten oder mittleren Spur fährt und dann mit 330 ein Audi R8 mit geöffneter Klappe und einer Drehzahl von 8.500 U/min an einem vorbei schießt. Es wird wahrscheinlich irgendwas sein zwischen einem anerkennenden Pfeifen und jüngstes Gericht.R8Spyder_philipsautoblog (3)

Wir fahren ab und entspannt zum Sachsenring. Einen Saugmotor muss man nicht zwingend kalt fahren, besser ist es aber dennoch. Wir halten neben dem Fahrerlager und beginnen mit der Arbeit. 3h Zeit pro Auto sind relativ wenig Zeit, um alles unter einen Hut zu bekommen, vor allem, weil alles relativ ungeplant passiert. Aus diesem Grund gibt es leider kein Tachovideo und auch keinen Auspuffsound. Hierfür Entschuldigung. Andererseits gibt es genügend Kollegen, die auf YouTube diese Orgie bereits vertont haben.

Was noch übrig bleibt ist eine Demonstration der Launch Control für meine Freundin. Die Idee, diese in einer Unterführung zu präsentieren, war rückblickend betrachtet aber vielleicht nicht die Beste. Performance-Modus, offene Klappe, die Drehzahl pendelt sich bei etwa 4.000 ein und *ZACK* ist man taub. Wirklich, das ist kein Spaß. Versucht das nicht zu Hause Kinder. Ich probiere es noch einmal mit geschlossener Klappe. Jetzt geht es. Fuß von der Bremse und wir schießen los. Meine Freundin bekommt einen Lachflash und kriegt sich die nächste Minute nicht mehr ein. Das allein war den Tinnitus schon wert.R8Spyder_philipsautoblog (13)

Noch schnell ein Video von außen und ab zurück nach Zwickau, wo schon der Porsche wartete. Unser Durchschnittsverbrauch lag übrigens bei 20 Litern auf 100km. Da geht aber auch weniger. Man will es bloß nicht.R8Spyder_philipsautoblog (27)

Fazit:
Mehr Emotion wird man in kaum einem anderen, modernen Auto bekommen. Die Leistungsentfaltung, der Motorsound, der über die optionale Sportabgasanlage selbst einem Hurácan platt macht und dazu noch der Genuss, dies alles ohne Dach erleben zu dürfen, macht den R8 Spyder zu einem absoluten Erlebnis. Wer also in der Nähe von Zwickau wohnt, sollte sich überlegen, ob er das Geld in die Hand nimmt und diesen R8 Spyder für einen Ritt auf der Kanonenkugel mietet. Mehr Eindruck macht wahrscheinlich nur das Batmobil.
Wer nicht in Zwickau wohnt, auch kein Problem. Schaut HIER vorbei.

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2 Kommentare zu „Fahrbericht Audi R8 Spyder

  1. Hey Phil,

    toller Artikel!
    Ich finde den R8 Spyder selbst eine wahnsinnig geile Maschine.
    Da macht selbst das Fahren im Stau spaß 🙂
    Ich würde gern mal wisse, wie schnell man mit offenen Verdeck fahren kann ohne das es anfängt zu nerven 😀

    Grüßle
    Staumelder Patrick

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    1. Hi Patrick,

      erstmal danke für Dein Lob!
      Was die Verdecksache angeht kann man folgendes sagen:
      Bis 120 ist es angenehm
      Bis 150 ertragbar
      Bis 180 folgt eine subjektive Grauzone (für meine Begriffe ist ab 150 mit schönem Fahren Schluss)
      und alles darüber ist sowieso nur noch Sturm

      Liebe Grüße,
      Philip

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