Aufladungskonzept 5: hochgepushter Hubraumgigant

Wenn es einen deutschen Hersteller gibt, der es versteht, Autos mit infernalischem V8-Ami-Sound zu bauen, dann ist es AMG. Ein Motor klingt brachialer als der andere und alle werden inzwischen durch Turbos beatmet. Der letzte Sauger war der 6,3 Liter V8 aus dem alten C63. Dieser wurde inzwischen durch den neuen Allrounder, einen 4 Liter V8-Biturbo ersetzt, der nun nach und nach auch den älter werdenden 5,5 Liter ablösen soll.
Ein Prestigeobjekt hat AMG, sofern sie das überhaupt nötig haben, aber immer noch im Ärmel. Einen 6,0 Liter V12-Biturbomotor, der allerdings mit seiner veralteten Technik zu einer aussterbenden Gattung gehört. Ein Grund mehr, diesem aufgeblasenen Koloss in unseren „Aufladungskonzepten“ die letzte Ehre zu erweisen.

Was ist jetzt eigentlich so veraltet an diesem Meilenstein der AMG-Firmengeschichte?
Da gibt es zwei grundlegende Dinge. Zum Einen ist es die Tatsache, dass er immer noch mit drei Ventilen pro Zylinder auskommt, oder auskommen muss. Zu Gunsten der besseren Zylinderbefüllung und -entleerung sind inzwischen 4 Ventile, selbst bei kleineren und günstigeren Autos Standard. Je mehr Ventile zur Verfügung stehen, desto mehr Möglichkeiten hat man auch, Motorcharkateristik, Leistungsentfaltung und dergleichen zu beeinflussen und somit, im Zusammenspiel mit Zündzeitpunkt, Ladedruck und diversen Kennlinien, den Motor perfekt abzustimmen. Im Bereich der Ventile heißt das Zauberwort dabei „variable Ventilsteuerung“. AufladungskonzepteV12AMG-philipsautoblog(2)

Zum Anderen und damit kommen wir wohl zum Wichtigeren Detail, ist der V12 noch ein Saugrohreinspritzer alter Schule, was insbesondere bei turboaufgeladenen Motoren einige Schwierigkeiten mit sich bringt.
Holen wir auch hier etwas weiter aus und klären, wieso Saugrohreinspritzer vor Allem im Turbobereich schon lange out sind. Die Ursache liegt darin verborgen, dass ein turboaufgeladener Motor durch das deutliche Plus an Sauerstoff, deutlich höhere Brennraumtemperaturen erzeugt, als ein Saugmotor. Moderne Motoren spritzen ziemlich exakt so viel Benzin ein, wie benötigt wird, um einen kritischen Wert an Temperatur nicht zu überschreiten. Der Materialverschleiß bewegt sich somit in einem akzeptablem Fenster, der Kraftstoffverbrauch ist optimal. Je fetter die Verbrennung ist, also je mehr Kraftstoff ihr beigemischt wird, desto kühler ist Sie. Dies alles lässt sich mit Direkteinspritzung deutlich einfacher realisieren. Erstens, weil die Einspritzung deutlich genauer erfolgt, zweitens, weil der Sprit direkt und mit hohem Druck in den Brennraum gelangt, was eine geringere Ausgangstemperatur zur Folge hat. Ein Saugrohreinspritzer spritzt den Kraftstoff im Vergleich „pi mal Daumen“ ein, was bei hohen Leistungen, Drücken und folgenden Temperaturen die Klopfneigung erhöht und somit auch die Gefahr der unkontrollierten VerbrennungAufladungskonzepteV12AMG-philipsautoblog(6)

Warum also gibt es den Motor überhaupt noch?  Ganz einfach: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen, Hubraum ist geil. Wer schon mal in einem fünf Liter Sauger unterwegs war, der wird mir zustimmen. Man schwebt auf einer Drehmomentwelle sondergleichen, eine Einladung zum Cruisen, ein erhabenes Gefühl. Nun stelle man sich das Gleiche mit einem Liter Hubraum mehr und zwei Turboladern mit insgesamt 1,5 bar Ladedruck vor. Bis diese beisammen sind, hat man eben jenes Gefühl der Erhabenheit über alles Weltliche, bis man endgültig in den Leistungsolymp aufsteigt mit der Erkenntnis, dass das noch längst nicht alles war und das bösartige Monster von Motor in der Zeit gerade einmal Luft geholt hat, um anschließend Zeter und Mordio schreiend voran zu marschieren und dabei, man weiß es nicht genau, auch den ein oder anderen Smart wegschnupft.AufladungskonzepteV12AMG-philipsautoblog(1)

Trotz der veralteten Technik also, ist dieser Motor kein altersschwaches Vorstandmitglied, das man müde belächelt, es solle nun endlich mal in den Ruhestand gehen und das Feld den Jungen überlassen. Man kann ihn eher mit Arnold Schwarzenegger im letzten „Terminator“ vergleichen. Schon leicht angegraut mit der ein oder anderen Falte im Gesicht, aber immer noch problemlos in der Lage, jedem dieser „Jungen“ gehörig den Arsch aufzureißen. Wo wir schon von Arsch aufreißen sprechen: Arnimotor leistet in der Spitze mit 1200Nm so viel Drehmoment, dass man dem Getriebe per Elektronik Gnade gewährte und bloß 1000 Nm über es herfallen lässt. Reicht immer noch, selbstverständlich.

Um das Bild zu vervollständigen, setzt man diesen Motor in eine S-Klasse ein, nennt sie S65 AMG, versieht sie mit einem Preisschild über mindestens 245.500€ und setzt ein etwas älteres Vorstandsmitglied hinein, das dann den Jungen in Ihren C63 AMG mit 4 Liter V8 auf der Autobahn gehörig..ihr habt das Bild vor Augen? Sehr schön.AufladungskonzepteV12AMG-philipsautoblog(3)

Fazit

Natürlich ist dieser Motor nicht mehr zeitgemäß, natürlich kann man inzwischen mit 8 Zylindern leistungsmäßig bis 700 PS locker alles darstellen, natürlich ist ein Zwölfzylinder ein reines Prestigeobjekt..aber was soll´s! Man hat die Wahl, ob man Hubraum- oder Turbofan ist. Dieser Motor bedient beides. Und das mit einer Hingabe und Vehemenz, dass im Kopf des glücklichen Fahrers sowieso alles zu spät ist und ich mir sicher bin, dass diejenigen, die in den Genuss eines solchen Motors gekommen sind und kommen, ihn zukünftig bestimmt vermissen werden.
Denn eines steht fest: Früher oder später ist er weg..Leider.

AufladungskonzepteV12AMG-philipsautoblog(4)

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